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Babyblues, Realitätsschock und kalter Kaffee – warum mich das Wochenbett voll erwischt hat

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Diese ersten Wochen nach der Geburt? Ich hab sie mir anders vorgestellt. Ganz anders.

Ich hatte Bilder im Kopf – du weißt schon, diese magischen Wochenbett-Momente, die einem auf Instagram versprochen werden: Ein friedlich schlummerndes Baby auf deiner Brust, du mit Dutt und Tee, überall sanftes Licht, Milchduft und innerer Frieden.

Tja.
Realität?
Ich, verheult, mit Milchflecken, Augenringen und einem Baby, das offenbar beschlossen hatte, Schlaf sei optional. Und ich so: „Wieso hat mir niemand gesagt, dass sich das so anfühlt?“


Ich war komplett überfordert – und wütend auf das Wochenbett-Märchen

Ich hatte gedacht, ich bin vorbereitet. Ich hatte Bücher gelesen, Podcasts gehört, die Kliniktasche doppelt sortiert und mein Wochenbett-Tee war längst im Vorratsschrank.
Aber auf das hier war ich nicht vorbereitet: Dass ich mich plötzlich nicht mal mehr frei bewegen konnte – weder körperlich noch geistig. Dass ich keinen Alltag mehr hatte, keine Kontrolle, kein „Ich“. Dass mein Baby alles bestimmte – sogar, wann ich aufs Klo gehe.

Und dass ich gleichzeitig dachte:
„Warum redet da keiner drüber?!“
Ich kam mir vor, als hätte mich das ganze Internet kollektiv angelogen.
Alle erzählten immer vom magischen Kennenlernen, von dieser unbeschreiblichen Liebe. Und ich saß da, heulend, mit Milchflecken auf dem Shirt, einem schreienden Baby auf der Brust und dachte: „Ich glaub, ich bin kaputt. Oder mein Baby ist es. Oder wir beide.“


Gedanken, die man nicht laut sagt

Ich hatte diese Momente, in denen ich dachte:
Vielleicht bin ich gar nicht als Mama geeignet.
Vielleicht wird nie wieder alles wie früher.
Und kaum, dass dieser Gedanke da war, kam sofort der nächste:
Wie kannst du nur sowas denken?! Du hast dieses Baby doch gewollt! Sei dankbar! Sei glücklich!

Und zack – war ich mitten im Schuldkarussell.
Ich fühlte mich schuldig, weil ich mich überfordert fühlte.
Ich fühlte mich schlecht, weil ich nicht permanent vor Glück strahlte.
Und natürlich weinte ich – ständig, überall, ohne Grund und mit allen Gründen gleichzeitig.


Der Babyblues

So etwa vier Tage nach der Geburt traf er mich mit voller Wucht. Ich saß da mit meinem Baby auf dem Arm, alles war eigentlich „gut“ – und trotzdem liefen die Tränen. Ich wusste nicht mal, warum. Ich war einfach müde, leer, überfordert – und gleichzeitig voller Liebe und Angst.

Mein Freund fragte, was los sei. Ich sagte: „Ich weiß es nicht.“ Und das war die ehrlichste Antwort, die ich geben konnte.

Der Babyblues kam einfach. Keine Einladung, keine Vorwarnung, einfach so – als hätte jemand den Hormonpegel aus Versehen in den Keller geschraubt.


Mein Körper? Ein eigener Planet.

Neben dem Hormonabfall gab es Stillprobleme (mein Sohn hatte ein verkürztes Zungenbändchen), Wochenflussstau, Schmerzen nach dem Kaiserschnitt – mein Körper fühlte sich an wie ein Projekt, das ich nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Ich war erschöpft, überfordert und trotzdem irgendwie funktionierend. Denn was blieb mir anderes übrig?

Ich hab’s alleine durchgezogen. Ohne Familie, ohne Hilfe, ohne Entlastung.
Nicht, weil ich’s unbedingt so wollte – sondern weil ich dachte, ich muss. Weil ich stark sein wollte. Weil ich die bin, die immer alles schafft.

Und ehrlich?
Das war mein größter Fehler.


Was mir trotzdem half

Routine.
So klein, dass sie fast lächerlich klingt, aber sie war mein Rettungsring. Ich hab mir jeden Morgen zehn Minuten im Bad erkämpft. Zehn Minuten, in denen ich kein Milchautomat war, kein Tränenschwamm, keine Multitasking-Mama – einfach nur ich. Wasser ins Gesicht, bisschen Deo, vielleicht Mascara – fertig.
Und das hat gereicht, um mich wenigstens für einen Moment wiederzufinden.


Was ich beim nächsten Mal anders machen würde

Ich würde mir Hilfe holen. Punkt.
Nicht erst, wenn alles zu viel wird. Sondern vorher. Und diesmal nicht nur von einer Hebamme (die ist medizinisch Gold wert – keine Frage!), sondern zusätzlich von einer Doula.

Eine Hebamme kümmert sich um deinen Körper und vor allem auch das Baby: Wundheilung, Stillen, Nachsorge, Kontrolle.
Eine Doula kümmert sich um dein Herz: Sie hört zu, kocht dir Suppe, hält das Baby, während du duschst, erinnert dich daran, dass du noch existierst – nicht nur als Mama, sondern als Mensch. Und was mich gegenüber meiner Familie manchmal überkommt: Schuldgefühle, wenn sie mir Aufgaben abnehmen, mich unterstützen. Ich weiß zwar, dass ich diese nicht haben muss und meine Familie aus Liebe zu mir uns meinem Sohn immer alles tun was in ihrer Macht steht. Trotzdem habe ich sie. Und eine Doula bezahlt man für die Hilfe. Punkt. Keine Schuldgefühle.

Ich wusste damals gar nicht so genau, dass es das gibt. Aber heute weiß ich: Ich hätte es gebraucht. Nicht, weil ich schwach war – sondern weil niemand diese ersten Wochen allein schaffen sollte.


Und irgendwann… wurde es besser

Ich weiß nicht, wann genau – aber irgendwann hörte ich auf, einfach so zu weinen. Irgendwann wurde das Chaos leiser, mein Alltag vertrauter. Und irgendwann fühlte ich mich wieder wie ich selbst – nur ein bisschen müder und sehr viel weiser.

Der Babyblues war wie ein Sturm: laut, schmerzhaft, unkontrollierbar – aber er ging vorbei.


Kleine Fußnote für alle, die gerade mittendrin sind

Babyblues ist kein Zeichen von Schwäche. Er bedeutet nicht, dass du versagt hast. Er bedeutet, dass du Mensch bist – und dass dein Körper und deine Seele gerade ein Wunder verarbeiten.

Er geht vorbei. Aber du darfst dir Hilfe holen. Du musst da nicht alleine durch.

Und falls du das doch tust – so wie ich damals – dann bitte: Sei wenigstens freundlich zu dir. 💕

Solltest du diese Gefühle länger als 2 Wochen und dich beeinträchtigt fühlen, dich um dich und/oder dein Kind zu kümmern, dann sprich bitte unbedingt mit deiner Hebamme und/oder Ärztin/Arzt! Es könnte sich um eine Wochenbettdepression handeln!

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